Warum Disziplin glücklich macht

Aktualisiert: Mai 15

Wie öde, sagt ihr, wenn ihr Disziplin hört oder liest. Wie unlustig, spiessig, langweilig? Und was bitteschön, hat Disziplin mit dem Yoga zu tun? Viel, meine Lieben, sehr viel.




Yoga übt man am besten frühmorgens - so will es auch die Tradition.

Für viele hat Disziplin einen schalen Beigeschmack. Wir denken an Bestrafungen und Belohnungen, an Lob und Kritik, aber auch an Ideologien oder schreckliche Regeln. Die Rede hier ist aber nicht von dieser Art Disziplin, sondern einer anderen Disziplin: Der Yoga-Disziplin.


Auf Sanskrit heisst das tapas. Das wird zwar oft alls Disziplin übersetzt, oder auch Aksese. Tatsächlich heisst es aber «heizen», und gemeint ist, sein inneres Feuer oder seine Glut anzuzünden. Also etwas zu tun, wofür man brennt. Im übertragenen Sinn ist alles gemeint, das unternommen werden kann, um spirituelles Wachstum zu erlangen.


Patanjali, ein grosser und vielleicht der wichtigste Yogaphilosoph überhaupt veröffentlichte 400 v. Chr. ein Regelwerk, die Yogasutras. Darin beschrieb er die acht Stufen (ashtanga) des Yoga, die es auf dem Yogaweg zu meistern gilt. Diese Stufen sind aber nicht zu vergleichen mit einer «To Do»-Liste, die man einfach abhaken kann. «Das Geheimnis des Lebens verbirgt sich nicht hinter Aufgabenlisten. Die Seele will erleben, erfühlen, trauern, sich freuen – und genau dabei hilft Patanjalis achtgliedriger Pfad», erklärt Anna Trökes, die grossartige Yogalehrerin und Autorin aus Deutschland, in einem Artikel dazu. «Es gibt eine magische Verbindung zwischen dem menschlichen Leben, der Welt und dem Universum. Wer den Weg des Yoga beschreitet, hat die Chance, sie zu erkennen: Patanjali bietet einen Leitfaden dazu.»


Tapas ist eine Anweisung innerhalb der Niyamas, dem zweiten der acht Pfade. Niyama bezeichnet die Lebenshaltung, die wir uns selbst gegenüber haben. Laut Patanjali ist es ein Gebot, tapas, die „innere Glut“ zu schüren. Die Praxis von Asanas und Prãnãyãma helfen dabei, sie rainieren und erhitzen den Körper und geben Unreinheiten über die Ausscheidung, Haut und Atmung ab. Dadurch kann sich der Körper etwa von Schlacken reinigen und dabei auch geistige Klarheit gewinnen. Heute bedeutet tapas auch einfach die intensive spirituelle Praxis, die man mit Regelmssigkeit, Hartnäckigkeit und Begeisterung ausführt.


Eine eigene Praxisroutine entwickeln


Eine eigene Praxis daheim zu etablieren ist mit etwas vom Schwierigste. Manchmal nimmt man sich schlicht zu viel vor - zwei Stunden tägliche Praxis kann niemand leisten. Manchmal hat man zuviel andere Verpflichtungen. Und manchmal kommt auch einfach das Leben dazwischen. Es dauerte bei mir über 15 Jahre, bis ich endlich die Freude am regelmässigen eigenen Üben entdeckte. Noch einmal verstrich eine gewisse Zeit, bis ich diese Heimpraxis eisern durchzog. Heisst: Ich stehe täglich auf der Matte, auch am Wochenende. Das ist irgendwann zwischen halb 6 und 6 Uhr dusche ich eiskalt, hüpfe ich auf die Matte und praktiziere bis halb 7 oder 7 Uhr, wenn der Rest der Familie aufsteht. Warum ich das tue? Nicht, weil ich die schöne, gelenkige Ashtanga-Frau sein möchte, die elegant am heissen Zitronenwasser nippt und dann in taraksvasana stürzt. Sondern weil ich gewisse Verhaltensweisen überwinden, meine blinden Flecken kennen und insgesamt innerlich freier, unabhängiger werden möchte, gelassener und voll innerer Kraft.


Welche dunklen Seiten in mir schlummern oder welche unaufgearbeiteten Dinge aufblitzen, hat mich die disziplinierte Praxis gelehrt. Konzentration, Fokus und Dranbleiben an einer Sache, gerade wenns schwierig oder unbequem in der Asana wird und der innere Schweinehund aufgeben will. Es ist eine Entscheidung, nicht aufzugeben, wenns unbequem wird. Wie heisst es doch so schön: «Pain is inevitable, suffering is optional» – Schmerzen sind im Leben unausweichlich, Leiden aber ist freiwillig.


Gewiss, nicht jeder ist so yogaffin (mein Mann sagt: «besessen» ;-)) wie ich. Aber jeder kann es werden, der sich für Yoga ernsthaft interessiert. Wenn wir wirklich ehrlich sind, hindern uns selten die Umstände, oft übertriebene Vorstellungen und noch öfter nur die eigene Bequemlichkeit an der Umsetzung unserer Träume.


Das Prinzip lässt sich auch auf den wöchentlichen Yogaunterricht übertragen. Wie oft habe ich früher, als meine Kinder sehr klein waren und mein Mann oft bis spätabends arbeitete oder im Ausland war, die wöchentliche Stunde sausen lassen? Warum fiel meine Me-Time immer als erstes raus? Heute weiss ich, dass das viel mit Entscheidung, Klarheit und Disziplin meinerseits zu tun hat. Es war meine Entscheidung, den Kindern den Vorzug zu geben und zuhause zu bleiben. Ebenso wie es meine Entscheidung war, gefühlte 1283 Jahre einen Bogen um den Handstand zu machen, weil ich schlichtweg Angst hatte, das Gleichgewicht, den Boden unter den Füssen zu verlieren? Irgendwann ermutigte bzw. zwängte mich meine Lieblingsyogalehrerin, dieses Asana jetzt einfach mal zu üben, egal, was der Kopf sagt. Natürlich klappte es weder beim ersten noch beim zweiten oder dritten Mal. Aber ich bemühte mich. Übte weiter. Allein schon das Gefühl der Befreiung, als ich diese Angst überwand! Welche Freude!


Iyengar, der Meister der Disziplin


Dieses befreiende Glücksgefühl kennst du sicher auch, wenn du eine unangenehme Situation gemeistert hast. Das Ertragen, Durchhalten und Ausdauer haben, vor allem, wenn‘s unangenehm wird, ist genau das, was Patanjali mit tapas meint. Wenn immer Träume oder Wünsche Wirklichkeit werden sollen, muss man für diese brennen, braucht es inneres Feuer, Entschlossenheit und, ja, genau, Selbstdisziplin.


Ein Meister der Selbstdisziplin ist B. K. S. Iyengar (1918-2014), der Begründer des modernen Yoga. Bis zu seinem 93. Lebensjahr praktizierte undunterrichtete er täglich Yoga. Schwer vorstellbar, dass er als Kind aufgrund einer Tuberkulose sehr schwächlich war. Er wuchs als Waisenkind mit älteren Geschwistern auf, ging selten zur Schule, fühlte sich kümmerlich, hatte Depressionen und empfand seine Existenz als eine Last. Mit 16 Jahren hatte er das Glück, von seinem Schwager, Sri T. Krishnamacharya, der vom Maharadscha von Mysore angestellt war, unter die Fittiche genommen zu werden. Krishnamacharya bringt ihm die Grundlagen der Yogapraxis bei, was Iyengar wiederum zu besserer Gesundheit verhilft. Bis Iyengar Krishanamacharyas berühmtester Schüler wird, dauert es aber lange, sehr lange. Iyengar sagt in einem sehr lesenswerten Interview mit der Süddeutschen Zeitung dazu: «Ich verdanke ihm alles. Aber er war ungeduldig und launisch und hat sich anfangs nicht wirklich für mich und meinen armen Körper interessiert. Ich war sehr steif und konnte, wenn ich mich nach vorne beugte, nicht mal meine Knie berühren.»



Übung macht den Meister: Iyengar in jungen Jahren. Diese Asana beherrschte er auch im Alter noch mühelos.

Nun ja, die Zehen konnte er dann doch irgendwann berühren. Und ncoh viel mehr. Er und Krishnamacharya gehen später zusammen auf Yoga-Tour und führen – wie im Zirkus – akrobatische Yogaübungen vor, welche man zuvor noch nie gesehen hat, denn Yoga war bis dahin eine rein meditative, einer Elite vorbehaltene Angelegenheit. Im oben erwähnten Interview spricht Iyengar über die Arbeit am Körper, Disziplin und die Effekte von Yoga.


«Nur wenn ich meinen Körper Zelle für Zelle verstehe, verstehe ich den meiner Schüler. Alles andere wäre unethisch. Darum übe ich jeden Tag. Und frage mich immer wieder: Arbeiten alle Körperteile mit? Was genau passiert mit den vordergründig unbeteiligten Partien, wenn ich den Arm aus dem Schultergelenk nach innen rotiere? Warum muss ich die Füsse leicht nach innen drehen, wenn ich mich rückwärts in die Brücke fallen lasse? Die Stellung der Füsse bestimmt die Stellung des Beckens, und diese wiederum garantiert, dass der untere Rücken schön lang bleibt. Yoga wirkt, indem es Körper und Geist zusammenbringt. Es ist eben keine Gymnastik.» Und weiter:


«Ich versuche, meine Intelligenz bis in die hinterste Zelle zu schicken, strenge meinen Verstand an und ordne Gelenke und Muskeln so an, wie es die Haltung verlangt. Damit dehne ich nicht nur die Glieder, damit dehne ich das Bewusstsein. Dann schwitzt der Geist, nicht nur der Körper! Daraus entsteht die Chance, frei von Angst zu sein.»


Tapas hat also Iyengars Leben bestimmt. Deshalb sagt er: «Ein Leben ohne Tapas ist wie ein Herz ohne Liebe». Letztlich ist es die Liebe zu mir selbst, die mich auf die Matte führt. Der Weg des geringsten Widerstandes säumt unser Dasein. Auf dem finden nur leider nie die wirklich guten Partys statt.

Wir sehen uns! Du weisst ja jetzt: Kneifen gilt nicht ;-)


Love & Light & never give up,

Shanti*: Claudia


P.S. Wer mehr von Ksirhnamacharya, Iyengar und dem Ursprung des westlichen Yoga mit weiteren berühmten Exponenten wie z. B. Sri Patthabi Jois erfahren möchte, dem sei dieser Film empfohlen: «Der atmende Gott», Allerdings nichts für schwache Nerven! Indische Lehrer können sehr rigoros sein (aua!). Ich habe die DVD und leihe sie gerne aus.









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